WAP’n Quatsch!

von Oliver Wrede
Februar 2002
erschienen in dZine

Der Hype um WAP und WML ist mal wieder typisch für die Branche. Über irgendwas muß man sich ja die Lippen blutig smalltalken können, wenn man schon sonst keinen Idee hat, was man auf der diesjährigen CeBit überhaupt soll.

Mal ehrlich: Wer hat auf Anhieb beim ersten Anblick eines WAP Handies gedacht “Das ist es!”?

Das BTX der Bundespost aus den 80er Jahren hatte da schon mehr drauf: immerhin 16 Farben und deutlich mehr als 20 Buchstaben pro Bildschirm. Man muß sich doch wirklich fragen, ob alleine die Tatsache, daß man nun mit Hilfe eines WAP-Handys herumlaufen und surfen gleichzeitig kann ausreicht, um direkt eine ganze Generation neuer Handies unter die Info-Rich zu bringen.

Egbert-Jan Sol von Ericsson äußert dazu:

As important, but also less well understood, is the development of services such as HTML and WAP. First, imagine all wired applications to be wireless, and then add all kinds of new applications impossible with wires attached: money, cars, etc. Keep in mind the restrictions to portable terminals: they are often battery powered, have small screens, and are restricted in processing power (thin clients) and bandwidth. WAP, wireless application protocol, is tuned for these restrictions. GPRS and WAP are still the beginning.

Wer will denn mobil ein Auto kaufen?

Wer bisher schon skeptisch war, daß E-Commerce eine taugliche Alternative zum handfesten Ladenbesuch ist, der wird sich nun wundern, daß das noch zu toppen ist: farblos, mickrig und vor allem: unhandlich! Kann sich ein UNIX Admin wirklich vorstellen mit einem Telnet-Client für WAP mobil seiner Arbeit nachzugehen?

Da die Displaygröße der WAP-Clienten nur das allermindeste an Information anbieten kann (max. eine Auswahl), gibt es auch an keiner Stelle sowas wie einen Überblick über die Informationen. In aller Regel befinden sich die Informationen außerhalb des sichtbaren Bereichs und – je nach Modell – rollt und klickt man sich wie ein Irrer durch die Zeilen, in der Hoffnung auf die zu treffen, die die wesentliche Information vielleicht (per erneuten Klick!) abrufen könnte.

Die meisten WWW-Freaks, die als Clientel überhaupt in Frage kommen, sind doch sowieso mehr als 4 Stunden am Tag online und haben vielleicht sogar schon einen Palmtop mit Verbindung zum Handy. Wo ist da jetzt die neue Qualität?

Zu den seltsamen Verhaltensweisen der Mobil-Kommunizierer (z.B. Selbstgespräche dank Freisprecheinrichtung) gesellt sich nun auch das Flanieren mit krampfhaften Blick auf das Display.

Low-Fidelity

Ganz abtun kann man den WAP-Hype nicht: die radikale Reduktion der digitalen Serviceleistungen auf Entscheidungsbäume mit eine limitierten Anzahl von Verzweigungen pro Schritt erfordert eine gehörige Simplifikation, die man manch einem Anbieter vor dem Aufbau seines E-Commerce-Systems gewünscht hätte. Insofern ist WAP eine Radikal-Diät für die funktionsüberladenen Seiten, durch die kein vernünftiger Mensch mehr durchblicken mag (selbst wenn er könnte).

Erstaunlich, daß die kleinen Tamagotchis nun genau Beschränkung auf das Wesentliche etablieren können, welche die Designer mit ihrer Theorie über Informationsökonomie und Cognitive Overhead nicht erreichen konnten.

Der bedeutendere Effekt von WAP ist nicht die Mobilisierung des Internets (da werden bessere Palmtops und breitbandige Mobilfunknetze bald den WAP Handies den Garaus machen), sondern die Tatsache, daß WAP die grafiküberladenen, multimedialen und Flash-geschwängerten Websites deklassiert.

Man darf sich auf die neuen Projekt-Briefings freuen…


Weitere Artikel

Warum der drahtlose Raum zerstört werden wird
Douglas Rushkoff in telepolis; 29. Mai 2001

WAP Field Study Findings
Jakob Nielsen; 10. Dezember 2000